Oh, wie schön sind Bücher!

Was uns Janosch und „Zoom“ heute über künstliche Intelligenz lehren können

2011 prägte der Unternehmer Marc Andreessen den Satz: „Software is eating the world.“ Gemeint war, dass Software nach und nach immer mehr Bereiche unseres Lebens verändert und klassische Geschäftsmodelle verdrängt.

Fünfzehn Jahre später bekommt dieser Satz eine neue, erschreckend wörtliche Bedeutung.

Im Rahmen von Gerichtsverfahren gegen das KI-Unternehmen Anthropic wurden interne Dokumente veröffentlicht. Sie beschreiben ein Projekt mit dem Codenamen „Project Panama“. Ziel des Projekts war es, in großem Umfang gedruckte Bücher zu kaufen, ihre Buchrücken abzutrennen, die Seiten automatisiert einzuscannen und die digitalisierten Inhalte zum Training künstlicher Intelligenz zu nutzen. Die Scans aus Project Panama dürften – soweit rechtlich zulässig – in die Trainingsdaten von Claude eingeflossen sein.

Derzeit berichten Antiquariate in Europa über ungewöhnliche Massenkäufe älterer Sach- und Fachbücher durch das kanadische Unternehmen Zoom Books. Der Verdacht lautet auch hier, dass diese Bücher als Trainingsmaterial für KI dienen könnten. Das Unternehmen weist diesen Vorwurf zurück. Unabhängig davon zeigt die Entwicklung: Gedruckte Bücher werden zunehmend als Datenquelle betrachtet.

Und genau das sollte uns nachdenklich machen.

Bücher sind mehr als Information

Ein Buch ist nicht nur ein Informationsträger, sondern vor allem ein Stück Kulturgeschichte. Es erzählt nicht nur durch seinen Text, sondern auch durch seine Gestaltung, seine Bindung, seine Illustrationen und manchmal sogar durch handschriftliche Notizen früherer Besitzer.

Ein digitaler Scan kann den Inhalt bewahren – er ersetzt jedoch niemals das Original.

Besonders antiquarische und vergriffene Bücher sind oft unwiederbringliche Zeitzeugen. Geht das physische Exemplar verloren, verschwindet weit mehr als Papier. Es verschwindet ein Teil unseres kulturellen Gedächtnisses.

Die eigentliche Ironie

Dabei ist die Namenswahl fast symbolisch.

Janoschs Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“ erzählt davon, dass Tiger und Bär nach einem fernen Paradies suchen und am Ende erkennen, dass das Wertvollste längst bei ihnen zu Hause war.

Das Bilderbuch „Zoom“ von Istvan Banyai zeigt, wie sich unser Blick mit jeder Seite erweitert. Erst wenn wir einen Schritt zurücktreten, erkennen wir den größeren Zusammenhang.

Heute stehen dieselben Namen für eine völlig andere Wirklichkeit.

„Project Panama“ wurde zum Sinnbild einer Entwicklung, in der Bücher zum Rohstoff für künstliche Intelligenz werden.

Zoom Books steht für Berichte über ungewöhnliche Massenkäufe gedruckter Bücher, die viele Antiquariate und Kulturschaffende mit Sorge betrachten.

Das Unternehmen bestreitet zwar, Bücher gezielt für KI-Unternehmen zu beschaffen oder für das Training künstlicher Intelligenz bereitzustellen. Dennoch bleibt die Frage offen, welchem Zweck diese außergewöhnlichen Ankäufe letztlich dienen.

Vielleicht fordert uns gerade dieses reale „Zoom“ dazu auf, den Blick zu weiten.

Vielleicht ist KI gar nicht das eigentliche Problem

So berechtigt die Diskussion über Urheberrecht und KI auch ist – sie verdeckt möglicherweise eine noch wichtigere Frage:

Warum können Unternehmen überhaupt Hunderttausende Bücher kaufen?

Weil sie niemand mehr haben möchte.

Viele dieser Werke standen jahrelang unbeachtet in Antiquariaten. Sie galten als Ladenhüter. Kaum jemand interessierte sich noch für sie.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik unserer Zeit.

Nicht, dass Maschinen Bücher lesen.

Sondern dass Menschen sie immer weniger lesen.

Während die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen sinkt, Buchhandlungen schließen und Klassiker aus Lehrplänen verschwinden oder nur noch in vereinfachter Form gelesen werden, entdecken ausgerechnet KI-Unternehmen den Wert dieser Bücher – allerdings nicht als Kulturgut, sondern als Datensammlung.

Fortschritt braucht Verantwortung

Künstliche Intelligenz bietet enorme Chancen für Medizin, Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Sie wird unsere Zukunft mitgestalten.

Gerade deshalb muss sie auf einem verantwortungsvollen Umgang mit unserem kulturellen Erbe aufbauen.

Digitalisierung darf Wissen bewahren.

Sie darf aber nicht dazu führen, dass Originale ihren Wert verlieren.

Denn Kultur besteht nicht nur aus Informationen.

Sie besteht aus den Quellen, aus denen dieses Wissen stammt.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage unserer Zeit deshalb nicht:

Darf künstliche Intelligenz Bücher lesen?

Sondern vielmehr:

Werden wir selbst noch eine Gesellschaft sein, die Bücher liest, sammelt und bewahrt – oder überlassen wir diese Aufgabe irgendwann allein den Maschinen?

Die größte Tragik wäre nicht, dass Maschinen Bücher lesen.

Die größte Tragik wäre, wenn Maschinen die letzten Leser wären.

Zum Schluss

Vielleicht sollten wir uns wieder an die Botschaft der beiden Kinderbücher erinnern.

Wie Tiger und Bär in „Oh, wie schön ist Panama“ sollten wir erkennen, welchen Schatz wir längst besitzen.

Und wie in „Zoom“ sollten wir einen Schritt zurücktreten und den größeren Zusammenhang sehen.

Denn am Ende geht es nicht nur um künstliche Intelligenz.

Es geht darum, ob wir den Wert unserer Bücher erst dann wieder erkennen, wenn sie verschwunden sind.

Oder, frei nach Janosch: „Oh, wie schön sind Bücher.“

Und frei nach Zoom: Manchmal muss man erst einen Schritt zurücktreten, um zu erkennen, dass manche Schätze verschwinden, lange bevor wir ihren Wert begreifen.

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