Abenteuer Katthult-Airport: Der rollende Oberlehrer

Eine Fahrt mit Hindernissen im Juni 2026

Der Urlaub beginnt im Glutofen von München. 33 Grad im Schatten, der Asphalt flimmert, und eigentlich steht mir der Sinn nach Entspannung. Ich bin auf dem Weg zu einer Studienreise, und um flexibel zu sein, habe ich mir für die Fahrt vorab ein Leihauto gemietet. Einen SUV – der genaue Typ spielt keine Rolle, aber es ist ein Hybrid.

„Das ist die Zukunft! Voller Spirit!“, säuselt der Mitarbeiter am Car-Rental-Schalter mit einer Überdosis geschäftsmäßigem Enthusiasmus. Dass die Batterieanzeige im Cockpit toter ist als die Wikingerzeit, wischt er mit einer visionären Handbewegung weg: „Das spielt überhaupt keine Rolle! Das Auto fährt auch rein mit dem Spirit des Benziners!“

Gut. Wir steigen ein. Wir drücken den Startknopf. Nichts. Absolute Stille. Der Spirit des Benziners hat offenbar gerade Mittagspause. Nach zehn Minuten wildem Knöpfchen drücken, leisem Fluchen und einem rein zufälligen Tritt auf irgendein Pedal erbarmt sich die Zukunft der Mobilität dann doch. Der Motor erwacht winselnd zum Leben. Erste Hürde genommen. Auf zur Autobahn!

Schnell wird klar: Dieser SUV wurde nicht gebaut, um gefahren zu werden. Er wurde gebaut, um mich zu erziehen: Ich will die Spur wechseln, ganz sanft, ohne den nachfolgenden Verkehr zu stören. Ich blinke nicht – es ist ja weit und breit niemand da. Großer Fehler! Das Lenkrad versteinert. Der Spurhalteassistent geht in den Nahkampf über und reißt das Steuer mit der Kraft eines schwedischen Holzfällers zurück.

Kurz danach schaue ich auf die Landschaft. Ein Schild übersehen? Das Auto weiß es besser. Ich bin exakt vier Kilometer pro Stunde zu schnell. Das Cockpit verwandelt sich in das Ortungssystem eines nervösen Atom-U-Boots auf Schleichfahrt: Bong. Bong. Bong. Ein permanentes, vorwurfsvolles Hämmern, das mir signalisiert: Du bist ein ungezogener Junge, Michel! Ab in den Tischlerschuppen mit dir!

Bei 33 Grad Celsius im Schatten flimmert der Asphalt. Mein Gehirn fühlt sich an wie weichgekocht. Coffein muss her. Jetzt sofort. Wir retten uns auf einen Rastplatz. Schnelle Pause, Kaffee, durchatmen.


Die Rache des Rücksitzes

Zurück am Auto. Die Batterie ist immer noch im tiefroten Bereich. Der „Spirit“ des Mietwagen-Gurus hat sich endgültig verflüchtigt. Ich drücke den Startknopf.

Nichts. Kein Muckser. Der Benziner streikt im kollektiven Burnout.

Stattdessen blinkt im Display eine feine, digitale Schrift: „Bitte Rücksitz beachten!“ Ich starre das Display an. Ich schaue nach hinten. Da ist nichts. Kein Kind. Keine Urlaubsbekanntschaft. Selbst der Rucksack und die Reisetasche stehen vorschriftsmäßig unten im Fußraum. Die Sitze sind so leer wie die Versprechen des Autovermieters.

Ich schwitze. Der Schweiß rinnt in Bächen an mir herunter. Ich blättere panisch in der Betriebsanleitung, die so dick ist wie die Bibel von Lönneberga. Nach quälenden Minuten finde ich den Hinweis: Die Warnung dient dazu, keine Kinder bei Hitze im Auto zu vergessen.

Sehr fürsorglich. Aber was zum Teufel hat ein imaginäres Kind auf dem Rücksitz mit dem Starten des Verbrennungsmotors zu tun?! Steht da nicht. Kein Wort. Blockade. Das Auto denkt wohl, ich hätte mein unsichtbares Kind im Kofferraum versteckt und verweigert aus Protest den Dienst.


Und es bewegt sich doch

40 Minuten vergehen in der prallen Sonne. Ich bin kurz davor, das Ding wie Michels Suppenschüssel zu zertrümmern. Ich drücke wütend, verzweifelt und völlig kopfgesteuert irgendeine paranoide Tastenkombination. Radio an, Warnblinker aus, Scheibenwischer auf links, wilder Tritt auf die Bremse.

Ein mechanisches Husten. Ein Ruckeln. Und er läuft! Wir rollen weiter. Was ist?

Was ist passiert? Ich glaube, ich kenne jetzt die Lösung des Rätsels und den physikalischen Schildbürgerstreich dieses Autos: Trotz der angeblich völlig leeren Batterie startet das Ding im Hybrid-Modus. Aber nicht mit lautem Getöse, sondern leise, ganz leise – so als würde er sich für sein eigenes Verhalten schämen. [

Die Automatik-Logik offenbart ihren ganzen Irrsinn: Nimmt man den Fuß vom Gaspedal (genau wie im reinen Benzinmodus), rollt dieser SUV einfach los. Und in exakt diesem Moment schaltet er blitzschnell um – denn die Batterie ist ja schließlich leer! Da war er wieder, der viel gepriesene „Spirit“ des Verkäufers. Ein genialer Programmierfehler, der mich fast den Verstand gekostet hätte.


Das wahre Liebesopfer

Und warum habe ich mir dieses Mietwagen-Erziehungscamp überhaupt angetan? Warum habe ich mein echtes Knirpsschweinchen zu Hause in der sicheren Garage gelassen? Ganz einfach: Mein Reiseziel ist eine der chaotischsten Städte Deutschlands. Und die nackte Angst reist mit! Die Angst, dass mein treuer Begleiter dort draußen auf den asphaltierten Schlachtfeldern irgendwelchen idiotischen Vandalen, rücksichtslosen Parkern oder unachtsamen Chaoten zum Opfer fällt.

Für dieses Risiko war mir mein Knirpsschweinchen einfach zu schade. Ich habe ihn aus reinem Beschützerinstinkt und purer Fürsorge zurückgelassen. Ein echtes Liebesopfer!

Denn mein wahres Knirpsschweinchen hat vier Räder, hört aufs Wort, ist mein verlängerter Arm und ein riesiges Stück meiner mobilen Freiheit: mein BMW X1.

Ein echtes Prachtexemplar in elegantem Perlsilber, das mit einer Tankfüllung Benzin unschlagbare 900 Kilometer weit rennt, ohne zu mucken. Er fährt mit mir über die steilsten Pässe und verzeiht mir sogar meine eigenen Michel-Streiche. Als ich in der Waschstraße die Fenster viel zu spät hochgekurbelt habe und das Cockpit eine spontane Schlamm- und Schaumschlacht erlebte, hat er es mir nicht einmal übelgenommen. Er schüttelte sich kurz und lief einfach weiter.

Während ich nun in diesem bockigen Mietwagen sitze, das nächste Bong erdulde und die Stoßstange des Vordermanns fixiere, schicke ich ein inniges Stoßgebet gen Himmel: „Liebes Knirpsschweinchen, bitte, bitte geh niemals kaputt! Warte gesund zu Hause in deiner Garage auf mich und liefere mich niemals diesen wandelnden, humorlosen, blökenden und bevormundenden Dingern aus…“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.